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+++ Wir lieben Aquaristik +++

Die Einlaufphase: Warum dein Aquarium Zeit braucht

Der wichtigste Schritt, den viele überspringen wollen

Wer ein neues Aquarium aufstellt und möglichst schnell Fische einsetzen möchte, steht vor einem Problem: Das frisch befüllte Becken ist biologisch noch eine Wüste. Das Wasser kommt aus der Leitung, der Bodengrund ist steril, der Filter enthält keinen Bakterienfilm. Es gibt noch nichts, das die giftigen Stoffwechselprodukte abbaut, die Fische und Futterreste zwangsläufig produzieren. Wer in diesem Zustand Fische einsetzt, riskiert ihr Leben.

Die Einlaufphase ist der Zeitraum, in dem sich das Aquarium vom leeren Wasserbehälter zum funktionierenden Ökosystem entwickelt. Filterbakterien siedeln sich an, der Stickstoffkreislauf baut sich auf, Wasserwerte stabilisieren sich. Erst wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, ist das Becken bereit für seinen Besatz. Das dauert Zeit, und diese Zeit lässt sich nicht vollständig abkürzen, egal was manche Produktversprechen behaupten.

In Aquarianer-Foren ist die Einlaufphase eines der meistdiskutierten Themen, und das aus gutem Grund. Einsteiger unterschätzen sie regelmäßig, kaufen nach drei Tagen die ersten Fische und wundern sich, warum diese innerhalb von Wochen eingehen. Die Antwort ist fast immer dieselbe: Das Becken war noch nicht bereit. Die Einlaufphase ist kein optionales Prozedere, sondern eine biologische Notwendigkeit, die jedes Aquarium durchläuft, ob man will oder nicht. Wer sie bewusst begleitet, hat danach ein stabiles, gesundes System. Wer sie ignoriert, kämpft oft monatelang mit Problemen.

Was passiert chemisch während der Einlaufphase

Phase Dauer Was passiert Messwerte
Start Tag 1 bis 5 Organisches Material zersetzt sich, Ammoniak entsteht Ammoniak steigt, Nitrit = 0, Nitrat = 0
Nitrosomonas siedeln sich an Tag 5 bis 14 Erste Bakterien wandeln Ammoniak in Nitrit um Ammoniak sinkt, Nitrit steigt stark
Nitrit-Peak Tag 14 bis 21 Nitrit erreicht Höchstwert, kritischste Phase Nitrit sehr hoch, kein Fisch einsetzen
Nitrobacter folgen Tag 21 bis 35 Zweite Bakteriengruppe baut Nitrit zu Nitrat ab Nitrit sinkt, Nitrat steigt
Gleichgewicht erreicht Ab Tag 35 bis 56 Ammoniak und Nitrit bei 0, Nitrat kontrollierbar NH3 = 0, NO2 = 0, NO3 unter 25 mg/l

 

Hinter dieser Tabelle steckt ein faszinierender biologischer Prozess. Ammoniak entsteht aus dem Zerfall organischer Substanzen und aus den Ausscheidungen der Fische. Im frischen Aquarium gibt es noch keine Bakterien, die ihn abbauen. Deshalb reichert er sich zunächst an. Mit der Zeit, meist nach fünf bis zehn Tagen, beginnen Nitrosomonas-Bakterien, den Ammoniak zu Nitrit umzuwandeln. Diese Bakterien sind aerob, brauchen also Sauerstoff, und besiedeln bevorzugt das poröse Filtermaterial sowie den Bodengrund.

Nitrit ist ebenfalls hochgiftig und für Fische sogar in mancher Hinsicht gefährlicher als Ammoniak, weil es den Sauerstofftransport im Blut blockiert. In dieser Phase, dem sogenannten Nitrit-Peak, ist das Becken am gefährlichsten. Wer hier Fische einsetzt, setzt sie einem zweifachen Gift aus. Erst wenn Nitrobacter-Bakterien in ausreichender Zahl vorhanden sind, wird Nitrit weiter zu Nitrat abgebaut. Nitrat ist in moderaten Mengen deutlich weniger giftig und wird durch regelmäßige Wasserwechsel und Pflanzen aus dem System entfernt.

Woran erkennt man, dass die Einlaufphase abgeschlossen ist


Das Becken ist bereit, wenn alle folgenden Werte gleichzeitig erreicht sind:

  • Ammoniak (NH3): 0 mg/l
  • Nitrit (NO2): 0 mg/l
  • Nitrat (NO3): messbar vorhanden, aber unter 25 mg/l
  • pH-Wert: stabil im artgerechten Bereich
  • Karbonathärte (KH): stabil, keine starken Schwankungen

Wichtig: Alle Werte müssen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen stabil sein, nicht nur einmalig.

Ein häufiger Fehler ist, nur einen Wert zu kontrollieren und bei gutem Ergebnis aufzuhören. Ammoniak und Nitrit können sich zeitversetzt verhalten. Es kommt vor, dass Ammoniak bereits bei 0 liegt, aber Nitrit noch erhöht ist, weil die Nitrobacter-Population noch nicht vollständig aufgebaut ist. Erst wenn beide Werte stabil bei 0 mg/l liegen und gleichzeitig Nitrat messbar ist, hat das biologische System seinen ersten stabilen Zustand erreicht.

Die Einlaufphase richtig starten

  1. Becken einrichten und befüllenBodengrund, Dekoration und Pflanzen einbringen, Wasser befüllen, Filter und Heizung in Betrieb nehmen. Temperatur auf den späteren Zielwert einstellen. Leitungswasser vor dem Befüllen mit einem Wasseraufbereiter behandeln, um Chlor zu neutralisieren.
  2. Ammoniak-Quelle einbringenOhne Fische braucht es eine Stickstoffquelle für die Bakterien. Möglichkeiten: täglich eine kleine Prise Fischfutter ins Wasser geben, ein Stück rohe Garnele ins Becken legen und nach Beginn der Zersetzung entfernen, oder reines Ammoniak in sehr kleiner, präziser Menge zugeben. Letzteres ist die kontrollierbarste Methode, erfordert aber Erfahrung.
  3. Täglich messenAb Tag 3 täglich Ammoniak, Nitrit und Nitrat messen. Werte in einer Tabelle notieren und den Verlauf verfolgen. Nur wer dokumentiert, erkennt den Nitrit-Peak zuverlässig und weiß, wann das Becken wirklich stabil ist. Günstige Tropfentests sind zuverlässiger als Teststreifen.
  4. Nitrit-Peak abwartenWenn Nitrit seinen Höchstwert erreicht und danach wieder fällt, ist die Einlaufphase auf der Zielgeraden. Jetzt noch keinen Fisch einsetzen, auch wenn es verlockend ist und das Wasser glasklar aussieht. Klarheit des Wassers sagt nichts über chemische Sicherheit aus.
  5. Ersten Besatz einsetzenWenn Ammoniak und Nitrit bei 0 liegen und Nitrat messbar ist, können die ersten robusten Fische oder Schnecken eingesetzt werden. Nie zu viele auf einmal, denn jeder neue Bewohner erhöht die Ammoniakproduktion und belastet das noch junge Bakteriensystem.

Wie lange dauert die Einlaufphase wirklich?

Methode Dauer Vorteil Nachteil
Natürlich ohne Starthilfe 6 bis 8 Wochen Kein Aufwand, sehr stabile Bakterienpopulation Sehr lange Wartezeit
Filterbakterienpräparat 2 bis 4 Wochen Deutlich schneller, einfach anzuwenden Qualität der Produkte variiert stark
Filtermaterial aus bestehendem Becken 1 bis 2 Wochen Sehr effektiv, kostenlos Risiko der Krankheitsübertragung
Fishless Cycling mit reinem Ammoniak 2 bis 3 Wochen Kontrollierbar, kein Tierstress Erfahrung nötig, Dosierung kritisch

 

Die Methode mit Filtermaterial aus einem bestehenden, gesunden Becken ist in der Praxis die effektivste. Wer einen Bekannten mit einem gut eingefahrenen Aquarium hat, kann sich einen Handvoll Filtermaterial oder einen alten Filterschwamm geben lassen. Die darauf lebenden Bakterien siedeln sich im neuen Becken innerhalb weniger Tage an und bauen die Ammoniakbelastung deutlich schneller ab als ein Becken, das von Null starten muss.

Filterbakterienpräparate aus dem Handel sind ebenfalls wirksam, allerdings mit erheblichen Qualitätsunterschieden. Produkte, die lebende Bakterien enthalten und gekühlt gelagert werden müssen, sind deutlich wirkungsvoller als Produkte mit langer Haltbarkeit bei Raumtemperatur. Letztere enthalten meist keine lebenden, sondern inaktivierte Bakterien oder Nährlösungen ohne direkten Effekt auf die Einlaufphase.

Das Fishless Cycling mit reinem Ammoniak ist die kontrollierbarste Methode und in der angloamerikanischen Aquaristik sehr verbreitet. Dabei wird reines Ammoniak ohne Duftstoffe oder Zusätze in sehr kleinen, präzise dosierten Mengen zugegeben, um einen definierten Ammoniakgehalt im Wasser herzustellen. Die Methode verkürzt die Einlaufphase deutlich, erfordert aber genaues Arbeiten und ist für Einsteiger ohne Vorerfahrung weniger geeignet.

Typische Fehler während der Einlaufphase

✅ Vorteile❌ Nachteile
Täglich messen und Werte dokumentierenOhne Messung auf Gefühl oder Wasserklarheit vertrauen
Geduld haben und den Nitrit-Peak vollständig abwartenZu früh Fische einsetzen, weil das Wasser klar aussieht
Kleinen Erstbesatz wählen, nach und nach aufstockenViele Fische auf einmal einsetzen und den Filter überlasten
Filter durchgehend laufen lassenFilter während der Einlaufphase ausschalten oder komplett reinigen
Wasserwechsel durchführen wenn Nitrit über 1 mg/l steigtNitrit unkontrolliert ins Extreme steigen lassen
Leitungswasser vor Zugabe mit Aufbereiter behandelnUnchloriertes Leitungswasser direkt ins Becken geben
💡 Tipp: Steigt Nitrit während der Einlaufphase auf über 1 mg/l, einen Teilwasserwechsel von 30 bis 50 Prozent durchführen. Das reduziert den Wert ohne die Bakterienpopulation zu zerstören. Die Bakterien sitzen im Filter und im Bodengrund, nicht im freien Wasser.

Was tun, wenn Fische schon im Becken sind

Manchmal ist es unvermeidlich, dass Fische während der Einlaufphase im Becken sind. Das passiert beim Kauf eines Gebrauchtaquariums ohne ausreichend Einlaufzeit, nach einem Umzug, bei dem der Filter unterbrochen wurde, oder wenn das Becken zu früh besetzt wurde. In diesen Situationen muss die Einlaufphase aktiv begleitet werden:

  • Tägliche Wasserwechsel von 20 bis 30 Prozent, um Ammoniak und Nitrit mechanisch zu verdünnen
  • Fütterung auf ein absolutes Minimum reduzieren, am besten täglich nur so viel, wie in zwei Minuten gefressen wird
  • Nitrit und Ammoniak täglich messen, Werte aufzeichnen
  • Bei Werten über 0,5 mg/l Nitrit sofort Wasserwechsel
  • Filterbakterienpräparat zugeben, um den biologischen Aufbau zu beschleunigen
  • Auf Stresssymptome bei Fischen achten: Schnappatmung an der Oberfläche, Apathie, Kiemenreizungen können auf Ammoniak- oder Nitritvergiftung hindeuten

Die Einlaufphase nach dem Neustart: Wenn das System kollabiert

Nicht nur ein neues Aquarium durchläuft eine Einlaufphase. Auch ein bestehendes Becken kann seinen biologischen Gleichgewichtszustand verlieren und eine Art Neueinlauf benötigen. Das passiert nach einem Medikamenteneinsatz, der die Filterbakterienpopulation stark dezimiert hat, nach einem längeren Filterausfall, nach dem kompletten Austausch des Filtermaterials oder nach einer starken Überdosierung von Chlor durch versehentlich unaufbereitetes Leitungswasser.

In diesen Fällen steigen Ammoniak und Nitrit erneut an, obwohl das Becken bereits eingefahren war. Die Reaktion muss dieselbe sein wie bei einem neuen Becken: Fütterung reduzieren, Wasserwechsel erhöhen, messen und warten. Ein Filterbakterienpräparat kann den Wiederaufbau deutlich beschleunigen.

Einlaufphase als Fundament des Aquariums

Wer die Einlaufphase ernst nimmt und geduldig abwartet, legt das Fundament für ein stabiles, gesundes Aquarium. Wer sie überspringt oder abkürzt, kämpft oft Monate lang mit Wasserproblemen, Fischkrankheiten und instabilen Werten. Die Investition von vier bis acht Wochen Geduld am Anfang spart in den Folgejahren enorm viel Stress, Kosten und Fischverluste.

Die Einlaufphase ist auch der beste Zeitpunkt, sich mit dem chemischen System des Aquariums vertraut zu machen. Wer täglich misst und die Werte dokumentiert, versteht nach wenigen Wochen, wie Ammoniak, Nitrit und Nitrat zusammenhängen und wie das System auf Veränderungen reagiert. Dieses Wissen ist die Grundlage für alles, was danach kommt.

Wer mehr über die chemischen Zusammenhänge hinter der Einlaufphase erfahren möchte, findet im Artikel zum Stickstoffkreislauf eine ausführliche Erklärung aller beteiligten Verbindungen und Bakterien. Die richtigen Testmittel für die tägliche Messung findet man beim Wassertest Aquarium.